
Ein Reisebericht von Josefa Peter
Ein wunderschönes Land mit freundlichen Menschen, spannende soziale Projekte - aber auch Armut und Hoffnungslosigkeit: So
zeigte sich das zentralasiatische Tadschikistan während einer Woche im Juni 2009, die die Caritas-Mitarbeiterinnen Josefa
Peter und Rita Kühner aus Deutschland dort verbrachten.
![]() |
| Josefa Peter (vorn Mitte), Rita Kühner (vorn rechts) und Barbara Börner (hinten rechts) mit ihren tadschikischen Gastgebern. (Ganz hinten der Direktor des Caritas-Büros in Tadschikistan, Andreas Riesterer.) |
| Foto: Caritas international |
Tadschikistan: Dies also war das Reiseziel für uns zwei Gewinnerinnen der Verlosung von "Caritas für Caritas" 2009. Eine kleine
Überraschung! Aber - wo liegt dieses Land überhaupt? Duschanbe, die Hauptstadt - nie gehört. Früher war das Land der südlichste
Zipfel der Sowjetunion, soviel ist bekannt. Deutsche Reiseführer gibt es nicht. Das Internet immerhin verrät: 143.000 Quadratkilometer
Fläche (ein Drittel Deutschlands), davon die Hälfte über 3000 Meter, 70 Prozent Gebirge. Nachbarländer sind China, Afghanistan,
Pakistan, Usbekistan und Kirgistan. In Tadschikistan leben 7,5 Millionen Menschen: Tadschiken, Usbeken, Kirgisen, Ismaeliten
und Russen.
Bis Mitte der Neunzigerjahre tobte ein Bürgerkrieg, nachdem die Sowjetunion 1991 zusammengebrochen und das Land unabhängig
geworden war. Der Krieg stürzte den Großteil der Bevölkerung in Armut, das Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen litten
extrem.
2007 eröffnete Caritas international (Ci) ein Büro in Duschanbe. Direktor ist Andreas Riesterer, das Personal ist international
und spricht Tadschik, Russisch und Englisch. Es wird eng mit Caritas Schweiz und Caritas Luxemburg kooperiert.
Gastfreundschaft als oberstes Gebot
Aufregend war die Reise von Anfang bis Ende. Es begann damit, dass sich drei Menschen am Flughafen in Istanbul zum ersten
Mal sahen. Wir, Rita Kühner (Verwaltungsangestellte beim Caritasverband Rhein-Neckar) und Josefa Peter (Heilpädagogin an der
Privaten Schule zur Erziehungshilfe Schnaittach des CV Nürnberg), sowie Barbara Börner von Caritas international trafen uns
dort zum Weiterflug nach Duschanbe. Was würde uns erwarten? Wir waren sehr neugierig auf das Land und die Arbeit, die Ci dort
leistet.
Wir fanden ein wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen vor, in dem Gastfreundschaft das höchste Gebot ist. Die Frauen
tragen bunte traditionelle knöchellange Kleider, dazu meist Kopftuch. Vor allem die älteren Männer tragen Hüte.
![]() |
| Essensausgabe beim Jugend-Zeltlager der Nichtregierungsorganisation "Zumrad" |
| Foto: Caritas international |
Die Tage waren ausgefüllt mit Besuchen in von Ci-unterstützten Projekten, verbunden mit Fahrten durch tolle Landschaften.
Dass Allradantrieb und Fahrer nötig sind, zeigte sich auf der abenteuerlichen Fahrt ins Gebirge nahe der usbekischen Grenze.
Dort besuchten wir das Zeltlager der Nichtregierungsorganisation (NGO) Zumrad, einer Partnerorganisation von Ci, die sich
um Waisen und Kinder aus sozial schwachen Familien kümmert. Der straffe Tagesablauf im Zeltlager ist ausgefüllt mit Pflichten
wie Kochen, Spülen und Unterricht, aber auch mit Fußball, Volleyball, Klettern und Tanzen. Es wird auch über Kinderrechte
und Kinderpflichten unterrichtet. Das Leben in der Natur soll die Kinder lehren, mit rauer Umgebung umzugehen. Gleichzeitig
wird respektvoller Umgang miteinander eingeübt.
Auch für uns waren Zelte vorbereitet, und man versuchte mit köstlichem Essen, Tee und Keksen die einfachen Umstände wett zu
machen. Während Barbara Börner Interviews mit Teilnehmern und Verantwortlichen führte, verbrachten Rita und ich die Zeit mit
den Kindern. Ich war überrascht, wie gut einige Kinder Englisch sprechen. Schon am ersten Tag war das Eis gebrochen durch
gemeinsames Tanzen, am zweiten Tag löste ich mein Versprechen ein, mit ihnen Fußball zu spielen.
![]() |
| Die Trainerin, ein Vorbild: Nejdana Mironova spielt mit Jugendlichen bei "Zumrad", aber auch in der tadschikischen Frauen-Nationalmannschaft |
| Foto: Caritas international |
Nach dem Zeltlager besuchten wir ein Territorialzentrum in Chatlon im heißen Süden des Landes, das erst im April eröffnet
worden war. Es soll sowohl Sozialstation mit aufsuchender Krankenpflege als auch Beratungszentrum und Anlaufstation für Ratsuchende
sein. Die Mitarbeiterinnen sollen regelmäßig fortgebildet werden. Ziel von Ci ist immer, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
Es war brutal heiß, die Landschaft grau und staubig, die Kinder spielten in den Abwasserrinnen, Frauen entnahmen daraus Trinkwasser,
Kuhdung wurde am Straßenrand getrocknet. In den Häusern ist es sehr ärmlich aber sauber. Zum ersten Mal erlebte ich eine Lebensmittelausgabe
der Vereinten Nationen, denn in dieser Gegend war kurz zuvor eine Schlammlawine abgegangen. Man konnte in den verschütteten
Dörfern auf Höhe der Dächer auf dem fest gewordenen Schlamm laufen. Ein beklemmender Gedanke, dass Menschen und Tiere darunter
begraben sind. Der Boden der Gegend ist ausgelaugt und verseucht vom Anbau der Baumwolle, die seit Jahren hier angebaut wird.
Die Perspektiven sind gleich Null. Am Ende des Tages war ich sehr deprimiert angesichts der Hoffnungslosigkeit in der Region.
Doch es folgte dann ein zweitägiger Ausflug nach Iluminabad nahe der afghanischen Grenze. Das bedeutete eine viereinhalbstündige
Autofahrt durch wunderschöne Berglandschaften und interessante Orte, wir konnten uns kaum satt sehen. Hier im Südwesten des
Landes konnten wir die klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau erleben. Am Tisch sitzen nur Männer und Gäste. In vielen
Familien sieht man die Frauen gar nicht, dort wird das Essen auch von Männern oder Söhnen aufgetragen. Die Frauen haben ihr
eigenes Reich in der Küche. Man sitzt auf Kissen auf dem Boden, das Essen wird auf einem Tuch serviert.
Die traditionelle Rollenverteilung schlägt sich auch auf die Bildung nieder. So werden die Mädchen oft frühzeitig von der
Schule genommen, um Hausarbeit zu lernen, denn sie werden sehr jung verheiratet. In vielen Familien reicht das Geld nicht
für Schuhe oder Schuluniformen.
Langfristige Hilfe zur Selbsthilfe
Diese Missstände riefen in Illuminabad einige Menschen auf den Plan, die Bildung als Schlüssel zur Entwicklung sehen. Sie
gründeten eine NGO und starteten in Zusammenarbeit mit Ci an fünf Schulen ein Pilotprojekt: Jede Schule erarbeitete zwei Vorschläge,
um die dringendsten Probleme zu lösen. Diese wurden mit Eltern und Lehrern abgestimmt und einer Jury vorgelegt. Die Gewinner
erhielten Nähmaschinen für Kurse.
Wir besichtigten die zwei Gewinnerschulen. Die erste hatte einen Spiel- und Sportplatz gebaut, der von Schülern und Dorfbewohnern
genutzt werden kann. Die zweite Schule hatte einen Schulgarten mit Obstbäumen angelegt. Die Früchte werden verkauft, das Geld
fließt in Schulbücher, Inventar und die Unterstützung der Schüler.
Hier wurde das Konzept von Ci besonders deutlich, lokale Partner zu befähigen, eigenständig Veränderungen anzustoßen, und
die Dorfgemeinschaft mit einzubeziehen, um die Arbeit nachhaltig zu verankern.
Insgesamt hatten wir einen zwar anstrengenden aber sehr interessanten Aufenthalt. Andreas Riesterer und Barbara Börner hatten
sich viele Gedanken gemacht, um uns verschiedene Eindrücke zu ermöglichen und uns die Arbeit von Ci näher zu bringen. So hatten
wir die Chance, das Land innerhalb von acht Tagen relativ gut kennen zu lernen.
Zurück in Europa überkam uns das Gefühl, aus einer ganz anderen Welt aufzutauchen.
September 2009