
Dr. Elisabeth Kludas, Erste Vorsitzende der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP), war auf Einladung von Caritas
international im Oktober 2008 eine Woche lang in Vietnam. Sie sprach auf einer Konferenz des vietnamesischen Sozialministeriums
mit Leitern von Sozialzentren und besuchte verschiedene Einrichtungen. Ulrike Schnellbach fragte sie nach ihren Eindrücken
und Einschätzungen.
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| Dr. Elisabeth Kludas |
Ci: Was war für Sie der Hauptgrund, die Einladung von Caritas international zu dieser Reise anzunehmen?
Dr. Kludas: Ich war 2002 mit Caritas international in Indien und habe dort viel erfahren über die Entwicklungsarbeit, die Caritas international
dort mit dem Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Das hat bei mir einen so positiven Eindruck hinterlassen, dass ich gerne
wieder mitgefahren bin.
Waren Sie zum ersten Mal in Vietnam?
Ja.
Sie haben zwei staatliche Einrichtungen für Behinderte besucht. Welchen Eindruck hatten Sie?
Die Einrichtungen nehmen in der Regel alle Menschen auf, die irgendwie Hilfe brauchen: behinderte Menschen, alte Menschen,
obdachlose Menschen, verwaiste oder verlassene Kinder. Ich habe eine psychiatrische Einrichtung besucht, die nur psychisch
kranke Menschen aufnimmt. Allerdings: Wenn es gerade politisch opportun ist, dass die Straßenkinder von den Straßen verschwinden,
etwa wegen eines Kongresses, dann bekommt die Einrichtung diese Kinder von der Polizei gebracht und muss sie so lange verwahren,
bis der Kongress vorbei ist. Hoffnung macht, dass dies nicht nur seitens der Leitungen der Sozialzentren kritisiert wurde,
sondern auch von Seiten der Regierungsvertreter in der Konferenz als nicht mit den Menschenrechten vereinbar. Die zweite Einrichtung,
die ich besucht habe, betreut alle Zielgruppen einschließlich psychisch kranker Menschen, allerdings in einzelnen spezialisierten
Abteilungen. Mein Eindruck war: Sie haben sehr viel geringere materielle Mittel als entsprechende Einrichtungen bei uns. Im
Rahmen dessen waren die Menschen freundlich und wirkten gepflegt und alles war sehr sauber.
Was war der Hauptunterschied zu deutschen Einrichtungen?
Die Menschen dort leben mehr in großen Sozialverbänden. Gruppengrößen von 70 bis 80 Menschen im psychiatrischen Bereich können
wir uns in Deutschland nicht mehr vorstellen. In der psychiatrischen Einrichtung schliefen zehn Männer zusammen in einem Raum,
darin waren nur eiserne Bettgestelle mit einem Brett darauf, mehr gab es nicht: keinen Schrank, keinen Nachttisch, nichts
Persönliches. Das sind Verhältnisse, die an unsere Langzeitpsychiatrien vor 40, 50 Jahren erinnern. Die Zentren unternehmen
aber große Anstrengungen zur weiteren Entwicklung.
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| Schule kann offensichtlich Spaß machen |
Inwiefern?
Vor allem in der Aus- und Fortbildung der Mitarbeitenden. Organisiert von Caritas international gibt das Ehepaar Quay vom
Sankt Josefshaus in Herten dort seit vielen Jahren Kurse in Heilerziehungspflege und bildet Multiplikatoren aus. Diese Multiplikatoren schulen
die Mitarbeitenden vor allem darin, den Blick auf den einzelnen Menschen zu richten und ihre Konzepte weiter zu entwickeln.
Inzwischen sind eine ganze Reihe so ausgebildeter Mitarbeitender in Leitungsfunktionen gekommen, und die Einrichtungen verändern
sich dadurch allmählich: Sie nehmen Bezug auf den einzelnen Menschen, auf seine Chancen und Möglichkeiten, Kontakte nach außen
aufzunehmen oder zu bewahren.
In welche Richtung müssen sich die vietnamesischen Einrichtungen aus Ihrer Sicht weiter entwickeln?
Ganz wichtig ist, dass die Zentren sich nicht nur als Hort verstehen für die Menschen, die zu ihnen kommen, sondern sich öffnen
nach außen und im Umfeld der Menschen Vor- und Nachsorge anbieten. Dazu müssen sie die Menschen dort aufsuchen und schauen,
was sie persönlich brauchen und wie man ihre Familie, ihr soziales Netzwerk unterstützen kann. Also das, was bei uns unter
dem Stichwort "Ambulantisierung" läuft.
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| Ein modernes Konzept: Hörgeschädigte und Kinder ohne Behinderung spielen und lernen gemeinsam |
Sie haben auch eine von katholischen Ordensschwestern betriebene Schule für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche besucht,
deren Berufsqualifizierung von Caritas international unterstützt wird. Was zeichnet diese Einrichtung aus?
Sehr fortschrittlich fand ich, dass die hörgeschädigten Kinder vormittags zusammen mit nicht behinderten Kindern unterrichtet
werden. Am Nachmittag gibt es Förderunterricht in sehr kleinen Gruppen, das hat mir gut gefallen. Die Schwestern unterstützen
die Jugendlichen dabei, einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden, und begleiten sie, bis sie sich dort
etabliert haben. Das ist ein sehr modernes Konzept, das von Caritas international gefördert wird.
Inwiefern können die vietnamesischen Einrichtungen von Erfahrungen aus Deutschland profitieren?
In der staatlichen Einrichtung, die ich gesehen habe, gibt es eine gute psychiatrisch-medizinische Behandlung, davon war ich
sehr angetan. Profitieren können sie von unserer methodischen Herangehensweise, den einzelnen Menschen zu sehen, Verhältnisse
zu schaffen, in denen er sich entwickeln kann und daraus abzuleiten, wie die Organisationen und die rechtlichen Rahmenbedingungen
verändert werden müssen, um mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu ermöglichen - das ist sicherlich etwas, wo wir in Deutschland
auf einem anderen Entwicklungsstand sind.
Wovon sie auch profitieren können, ist unsere Selbstorganisation. Die Caritas ist ja entstanden als eine Organisation von
unten nach oben. Das ist in dieser Form neu für das kommunistisch regierte Land Vietnam.
Sie waren eingeladen, auf einem Kongress des Sozialministeriums mit den Leitern von Behinderten-Einrichtungen zu sprechen.
Da ging es genau um das Thema der Selbstorganisation.
Die Regierung fordert die Direktoren auf, sich zu organisieren, und das ist sicherlich ein großer Fortschritt. Meine Botschaft
war: Man kann verändern, aber man braucht die Erfahrungen der Kollegen, die in ähnlichen Aufgaben sind. Und man ist gemeinsam
stärker: Die Sozialorganisationen werden wie bei uns von den Kommunen finanziert, und das funktioniert nicht immer zur Zufriedenheit
der Direktoren. Gegenüber den örtlichen Behörden können sie stärker auftreten, wenn sie sich zusammenschließen. Sie können
sich auch gegenseitig in ihren Anstrengungen unterstützen, Fundraising zu machen. Vietnam ist zwar noch ein agrarisch geprägtes
Entwicklungsland, aber gleichzeitig wächst der städtisch orientierte Industrie- und Dienstleistungssektor. Mittelständische
Unternehmen sind zunehmend bereit sich sozial zu engagieren. Wir haben zudem Mut gemacht, in den Einrichtungen ehrenamtliche
Aktivitäten zu entwickeln, die gibt es dort noch wenig.
Wenn Sie an Ihre Eindrücke während dieser Woche zurückdenken: Gab es etwas, das Sie überrascht hat?
Überraschend war für mich, dass die Herangehensweise und die Zielsetzungen des Ministeriums europäischem Level entsprechen
und dass auch die Konferenz mitsamt der technischen Ausstattung mit europäischen Veranstaltungen vergleichbar war. Es gab
auch eine große Offenheit in der Diskussion. Ich denke, dass hier Früchte der langjährigen Entwicklungszusammenarbeit von
Caritas international mit Vietnam sichtbar sind.
Haben Sie auch eine Anregung für die Arbeit hier in Deutschland bekommen?
Was mich sehr beeindruckt hat ist die Beharrlichkeit, mit der in den Sozialzentren gearbeitet wird, um die Situation zu verbessern.
Und das bei erheblich schlechteren Rahmenbedingungen, als wir sie in Deutschland haben. Da können wir uns eine ganze Portion
Ermutigung abholen, um unsere derzeitigen Veränderungen anzugehen, die ja auch eine sehr große Herausforderung darstellen.
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Dr. Elisabeth Kludas ist Ärztin für Neurologie und Psychiatrie und arbeitet seit 20 Jahren beim Sozialwerk St. Georg in Gelsenkirchen, das 3000 behinderte Menschen in dezentralisierten Wohn- und Arbeitsangboten betreut. Seit 2001 ist sie Vorsitzende der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP). |