
Im Juli 2009 waren Vertreterinnen der häuslichen Krankenpflege aus der Ukraine, Bosnien und Serbien beim Deutschen Caritasverband
in Freiburg zu Gast, um sich über die Praxis hierzulande zu informieren. Ulrike Schnellbach sprach mit drei Hauskrankenpflege-Koordinatorinnen über
ihre Eindrücke: Olga Osadcha von der Caritas in Kiew (Ukraine), Mariya Bachmaha von der Caritas Ukraine und Bozidarka Bozic-Eduard
von der Caritas Bosnien-Herzegowina.
Sie haben in dieser Woche die Organisation der häuslichen Krankenpflege bei der Caritas in Deutschland kennen gelernt, haben
Sozialstationen in der Freiburger Region besucht und Krankenschwestern bei Hausbesuchen begleitet. Wo sehen Sie die Hauptunterschiede
zu der Situation in Ihren Ländern?
Bozidarka Bozic-Eduard: Der Hauptunterschied ist, dass häusliche Pflege bei uns nicht vom Staat unterstützt wird. Es gibt keine Pflegeversicherung,
und die Politik sieht das auch gar nicht als ihre Aufgabe an. Die Situation für Pflegebedürftige ist so: Wenn sie eine Familie
haben, werden sie gepflegt, wenn nicht, haben sie Pech gehabt. Es gibt aber sicherlich großen Bedarf an Pflege, denn auch
bei uns wird die Bevölkerung älter. Und Alter bei uns bedeutet auch Armut - selbst wenn man gearbeitet hat und eine Rente
bezieht.
Wo liegen die Unterschiede bei der täglichen Pflegepraxis?
Mariya Bachmaha: Unsere Schwestern und Patienten haben keine so guten Hilfsmittel wie hierzulande: Es gibt keine Matratzen gegen das Wundliegen,
die meisten Patienten liegen einfach auf dem Sofa. Es fehlt an Rollstühlen, Treppenlifte gibt es gar nicht, auch keine Badeheber.
Bozic-Eduard: Abgesehen davon haben die meisten unserer Patienten gar kein Bad, oft nicht einmal fließendes Wasser und nur Außen-Toiletten.
Bachmaha: Unsere Patienten sind im Durchschnitt jünger, weil die Lebenserwartung bei uns gar nicht so hoch ist. Aber die Krankheiten,
die Bedürfnisse und unsere Dienste, das alles ist vergleichbar: Wir machen Frühstück, versorgen Wunden, verabreichen Medikamente
genau wie hier.
In Deutschland leiden viele Pfleger/innen unter dem enormen Zeitdruck. Ist das in Ihren Ländern auch so?
Bozic-Eduard: Ja, das kennen wir auch. Bei uns ist zwar nicht vorgeschrieben, wie lange wir eine Patientin waschen dürfen und dergleichen.
Aber wir müssen uns unseren Geldgebern gegenüber rechtfertigen, wie viele Bedürftige wir versorgt haben.
Olga Osadcha: Ein großes Problem in Kiew, einer Zweimillionen-Stadt, sind die Entfernungen und der Verkehr: Die Schwestern verbrauchen
sehr viel Zeit mit der Fahrt zu den Patienten, die oft am Rande der Stadt leben, vor allem Aids-Patienten, die marginalisiert
sind. Und die Schwestern haben keine Autos. Pflegerin ist bei uns ein 24-Stunden-Job: Im Notfall werden sie auch nachts gerufen.
Und sie kümmern sich um alles, nicht nur um die Krankenpflege. Wenn sie zu einer Familie kommen, die hungert, bringen sie
Essen mit, das sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. Oft ziehen die Schwestern auch ihre Angehörigen zum Helfen heran.
Ist es ein Problem für Caritas, Freiwillige zu finden?
| Workshop bei Caritas international zur häuslichen Krankenpflege |
| Foto: Caritas international |
Bozic-Eduard: Es ist nicht einfach Leute zu bewegen, ehrenamtlich zu arbeiten, wenn gleichzeitig die Arbeitslosigkeit so hoch ist und sie
zum Überleben eigentlich mehrere bezahlte Jobs brauchen. Andererseits sind die Familienbande sehr stark, und innerhalb der
Familie wird immer geholfen. Die Caritas arbeitet darüber hinaus mit jungen Freiwilligen zusammen, die zum Beispiel während
ihrer Ausbildung in einem Caritas-Wohnheim leben und dafür für alte Menschen einkaufen oder Formulare ausfüllen. Außerdem
gibt es ein Programm für Arbeitslose, die für eine Aufwandsentschädigung für die Caritas arbeiten.
Wenn der Staat sich nicht verantwortlich fühlt, wie ist die Häusliche Krankenpflege dann finanziert?
Bozic-Eduard: Alle Projektmittel kommen aus dem Ausland, das meiste von Caritas international. Damit können wir aber lediglich die Ärmsten
der Armen versorgen, die Bedürftigsten unter den Pflegebedürftigen, die keine Angehörigen haben und weit weg von Gesundheitszentren
wohnen. Ich bekomme jeden Tag fünf bis sechs Anrufe von Menschen, die unsere Hilfe bräuchten, denen ich aber nichts bieten
kann, weil unsere Mittel begrenzt sind.
Was ist Ihre größte Sorge?
Bozic-Eduard: Ich habe Angst, dass wir die Arbeit einstellen müssen, wenn die Projekte auslaufen, und der Staat nicht einspringt, so dass
eine komplette Versorgungslücke entsteht. Immerhin bekommen wir inzwischen ein paar tausend Euro jährlich vom Staat. Aber
das ist nicht mehr Geld, als ein Bienenzüchterverein oder ein Sportverein bekommen - der Staat sieht unsere Arbeit auf derselben
Ebene.
Welche nützlichen Erkenntnisse nehmen Sie von Ihrer Freiburg-Woche mit?
Bachmaha: Wir haben alles gesehen und mehr Informationen bekommen, als wir uns erhofft hatten - dafür danken wir Caritas Deutschland
und den Organisatorinnen ganz herzlich. Wir haben gelernt, wie das Versicherungssystem funktioniert, wie die Sozialstationen
sich organisieren, wie die tägliche Pflegearbeit gemanagt wird. Diese Erfahrung wird uns als Grundlage für Verhandlungen mit
unseren Behörden dienen: Wir haben jetzt ein Modell für die Zukunft.
Wenn Fachkräfte der Häuslichen Krankenpflege einmal bei Ihnen hospitieren würden, was könnten sie dort lernen?
Bozic-Eduard: Dass man sich nicht darauf beschränken kann, die Absicherung der Pflege dem Staat zu überlassen, das wird auch in Deutschland
in Zukunft nicht mehr funktionieren bei immer mehr alten Menschen. Und dass stattdessen die Familien stärker in die Pflicht
genommen werden.
Osadcha: Wenn Schwestern aus Deutschland unsere Bedingungen kennen lernen würden, wären sie bestimmt froh, anschließend wieder heimzukehren.
Sie würden ihre eigene Situation sehr zu schätzen wissen.