
Susana Fergusson leitet ein Drogenhilfezentrum in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Der offene Treffpunkt mitten im Rotlichtviertel
bietet Beratung und Schadensreduzierung für Drogenkonsumenten und leistet Präventionsarbeit. Bei einem Fachkongress und einer
Besucher-Tour Anfang 2009 hat sie sich bei Caritas-Kolleg/inn/en in Deutschland neue Anregungen für ihre Arbeit geholt und
ihre eigenen Erfahrungen mitgeteilt. Stefan Teplan hat mit ihr gesprochen.
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| Susana Fergusson |
| Foto: Dietmar Kattinger |
Welchem Zweck diente Ihr zweiwöchiger Deutschland-Besuch?
Susana Fergusson: Ich kam aus zwei Gründen: Zum einen, um am internationalen Caritas-Kongress "Drogenkonsum: Neue Antworten, neue Politik" teilzunehmen, zum anderen um die praktische Arbeit deutscher Caritas-Einrichtungen kennen zu lernen.
In der internationalen Drogenhilfe wird mit äußerst verschiedenen Ansätzen gearbeitet. Sehen Sie auch Übereinstimmungen?
Susana Fergusson: Wir alle sind nach langjährigen Erfahrungen davon überzeugt, dass das von den USA ausgerufene Konzept "Krieg gegen Drogen"
hoffnungslos gescheitert ist und dass repressive Maßnahmen nicht helfen, den Drogenkonsum und -handel zu beenden.
Was hilft stattdessen?
Susana Fergusson: In der praktischen Arbeit mit den Klienten ist auf jeden Fall das Konzept "Therapie statt Strafe" das überzeugendere Modell.
Mir ist beim Besuch bei mehreren deutschen Caritasverbänden und -einrichtungen aufgefallen, dass man diesbezüglich in Deutschland
sehr weit ist. Bei uns in Kolumbien steckt die Idee, Klienten Beratung und Behandlung zu ermöglichen, anstatt sie ins Gefängnis
zu stecken, leider noch sehr in den Kinderschuhen. Die Gespräche mit deutschen Caritas-Kollegen haben mich darin bestärkt,
für dieses Konzept in Kolumbien mehr Lobbyarbeit zu machen.
Nehmen Sie von Ihrer Besucher-Tour eine übergreifende Erkenntnis mit?
Susana Fergusson: Fachlich habe ich von jeder besuchten Einrichtung etwas anderes mitgenommen, die Vielfalt des Hilfsangebots hat mich beeindruckt.
Aber überall wurde für mich die geistige Wurzel unserer Caritas-Arbeit deutlich. Die Spiritualität, aus der heraus unsere
Arbeit geschieht, und das christliche Menschenbild spielen eine tragende Rolle in unserer sozialen Arbeit.
Woran wurde dieser Aspekt für Sie besonders deutlich?
Susana Fergusson: Ich denke beispielsweise an den Besuch des Theresienhauses in Glandorf. Das ist eine Einrichtung des DiCV Osnabrück für chronisch
suchtkranke Menschen, die dort in Wohngruppen leben. Viele dieser Menschen haben aufgrund ihrer langjährigen Sucht eine Behinderung.
Ich habe dort besonders stark gespürt, dass die Betroffenen nicht nur fachlich hoch professionell betreut werden, sondern
mit viel menschlicher Wärme - mit einer Würde, die aus dieser christlichen Grundhaltung kommt.
Was können Sie für Ihr Projekt in Kolumbien mitnehmen?
Susana Fergusson: Mitnehmen würde ich am liebsten einige der deutschen Kolleginnen und Kollegen, die wir getroffen haben (lacht). Aber es wurde
ganz im Ernst an mehreren Stellen Interesse geäußert, uns einmal zu einem Fachaustausch zu besuchen. Auf jeden Fall sind deutsche
Fachkräfte bei mir in Bogotá herzlich willkommen.
Um welche Form von Knowhow-Transfer würde es konkret dabei gehen?
Susana Fergusson: Von dem Caritas-Suchthilfezentrum Hattingen gibt es gleich mehreres, das ich, wie Sie das ausdrücken, mitnehmen möchte. Die
Suchthilfe dort macht zum Beispiel vorbildliche Arbeit mit Kindern suchtkranker Eltern - sie hat dazu eine Gruppe gegründet,
die sie "Lion Kids" nennt. So etwas möchte ich in Kolumbien auch aufbauen, dabei könnten mir die deutschen Fachkräfte helfen.
Eine weitere Idee, die ich gerne kopieren möchte, ist ein Modell aus der Präventionsarbeit in Hattingen, das so genannte "Märchenmobil".
Das ist ein phantasievoll umgebauter Bauwagen, der von Kindergärten oder Jugendzentren für Veranstaltungen zur Suchtprävention
gebucht werden kann. Eine tolle und, wie ich hörte, sehr erfolgreiche Idee.
Und was könnten Caritas-Mitarbeitende aus Deutschland bei Ihnen lernen?
Susana Fergusson: Das Arbeiten in ganz anderem Kontext und von daher mit einigen anderen Ansätzen. Wir beziehen das Umfeld der Betroffenen sehr
viel mehr ein, um unsere Arbeit erfolgreich zu machen. Wir arbeiten schließlich nicht in einer behüteten, sicher abgeschotteten
Einrichtung, sondern in einem offenen Treffpunkt im Herzen des hoch kriminellen Rotlichtviertels von Bogotá. Ich denke, ich
habe einige deutsche Kollegen schon sehr geschockt, als ich erzählte, dass ich mich für meine Arbeit mit den Prostituierten,
mit Zuhältern, Dealern und sogar mit Auftragskillern in unserem Viertel arrangieren muss, damit mein Zentrum ein sicherer
Treffpunkt für die Klienten bleibt.
Das erinnert etwas an das Evangelium, in dem es von Jesus heißt, er wäre vor allem bei den Zöllnern und Huren zu finden gewesen
- also den als kriminell Geltenden und Verachteten der damaligen Gesellschaft.
Susana Fergusson: Sehen Sie, was das betrifft, so dient unsere Arbeit auch dazu, den von der Gesellschaft Verachteten ihre Würde zurückzugeben.
Einmal haben zum Beispiel in unserem Drogenhilfezentrum die Prostituierten einen Schönheits-Tag für Frauen des Viertels veranstaltet
- für einfache, meist sehr arme Frauen, die sich einen Besuch in einem Schönheits-Salon niemals leisten könnten. Als diese
Frauen von den Prostituierten frisiert und geschminkt wurden und sich mit ihnen unterhielten, haben sie gemerkt: Das sind
ja keine Monster, das sind ganz normale Menschen. Seitdem sind die Prostituierten, die im Grunde ja auch nur Opfer sind, integriert
und ist ihnen das Stigma genommen.
Einen Bericht über den Besuch der Gäste aus Lateinamerika in Caritas-Einrichtungen der Diözese Osnabrück finden Sie auf den
Seiten von: www.marktplatz-osnabrueck.de