Caritas für Caritas - Interview mit brasilianischen Caritas Kollegen

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"Caritas heißt, den armen Lazarus nicht wegzuschicken"

Pater José Carlos und Cido Recende über relativen Luxus in deutschen Altenheimen und ihre Arbeit mit Obdachlosen in Brasilien

Pater José Carlos engagiert sich in der 20-Millionen-Metropole für obdachlose Senioren, Drogenabhängige, HIV-Erkrankte und Gewaltopfer. Er ist Direktor einer lokalen Caritas in Sao Paulo und hat das Hilfswerk "Reciclazaro" ins Leben gerufen. Cido Recende ist Projektkoordinator des Hilfswerks. Beide waren im Oktober 2008 im Rahmen der Aktion Caritas für Caritas zu Gast in Deutschland. Stefan Teplan sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen.

Was nehmen Sie als wichtigstes Ergebnis Ihres Deutschlandbesuchs mit nach Brasilien?

Cido Recende
Cido Recende

Cido Recende: Für mich war das Wichtigste der wertvolle Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen des deutschen Caritasverbands, auf Leitungs- wie auf Mitarbeiterebene.

Bei diesen Gesprächen sind große Unterschiede deutlich geworden, vor allem da wir mit viel weniger Mitteln arbeiten und unsere Kapazitäten beschränkt sind. Wir haben gesehen, dass es möglich ist, den Menschen auf der Straße das Allerbeste zu geben und nicht - wie viele in unserem Land - zu sagen: Das sind nur Obdachlose, die müssen genügsam sein. Nein, man muss ihnen wirklich das Beste geben und wie das geht, das haben wir hier in vielen deutschen Caritas-Einrichtungen gelernt.

José Carlos: Die Besuche in diesen Einrichtungen haben uns gezeigt, wie weit wir vom Idealzustand entfernt sind. Wir müssen noch viel kämpfen und an Lobbyarbeit verrichten, um so etwas zu erreichen. Wir haben Altersheime gesehen, die für unsere Verhältnisse luxuriöser sind als das, was die brasilianische Elite hat.

Hat Sie dies mehr frustriert oder motiviert?

José Carlos: Na ja, es waren schon mal kleine Momente der Desillusionierung dabei, wenn wir Einrichtungen gesehen haben, von denen wir nur träumen können. Aber das hat uns überwiegend motiviert dafür zu kämpfen, das Beste, wie Cido eben sagte, zu schaffen - für obdachlose Menschen, für alte Menschen, damit diese in Würde ihren Lebensabend verbringen können.

Cido Recende: Wir planen derzeit, in Sao Paulo eine Seniorensiedlung aufzubauen, die im Prinzip dem ähnelt, was wir an Senioren-Hausgemeinschaften bei der Caritas Hassfurt gesehen haben. Unsere Lobbyarbeit war schon recht erfolgreich; immerhin hat die Regierung in Sao Paulo uns dafür bereits ein Grundstück geschenkt. Aber unser Deutschland-Besuch hat uns gezeigt, dass wir noch viel mehr Einsatz bringen müssen.

In welcher Richtung?

Cido Recende: Es muss  auch in Brasilien irgendwann ein staatliches soziales Netz geben, das für alte Menschen sorgt und das Obdachlose und Drogenabhängige auffängt. Ein solches Netz fehlt bei uns. Und so leiden bei uns Millionen; sie bleiben im Elend, leben auf der Straße, sie haben Drogenprobleme oder werden Opfer von Gewalt. Wir wünschen uns einen brasilianischen Staat, der seine Bürger besser beschützt.

 José Carlos: Ja, wir werden unsere Regierungsstellen mit unseren Erfahrungen in Deutschland konfrontieren und ihnen am Beispiel deutscher Caritas-Einrichtungen vermitteln, was möglich ist. Wir haben erfahren, dass diese Erfolge auch in Deutschland die Früchte einer langen politischen Entwicklung sind. Noch vor 30 Jahren waren auch hier zum Beispiel Einzelzimmer in Seniorenheimen eine Ausnahme. Das macht uns Mut, einen solchen Prozess in Brasilien in Gang zu setzen - auch wenn er Jahrzehnte dauert.

Sie haben bei Ihrem Besuch auch erfahren, dass Deutschland nicht das Eldorado ist, sondern große soziale Probleme zu bewältigen hat. Hat Sie das sehr überrascht?

Cido Recende: Absolut. Wir mit sehr großen Vorurteilen hierher gekommen. Natürlich wussten wir, dass es auch in Deutschland Armut gibt, aber nicht in dieser Dimension. Völlig verblüfft waren wir, als wir in einer Schuldnerberatung des deutschen Caritasverbands erfuhren, dass sechs Millionen Deutsche überschuldet sind. Wir haben auch nicht gedacht, wie viele Obdachlose und Drogenabhängige in Deutschland gibt. Wir werden in Brasilien erzählen: Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Aber auch dort gibt es  Menschen, die leiden, es gibt Elend. Es gibt aber auch Menschen, die eine Mission haben und es schaffen, dass in ihrer Gesellschaft arme Menschen mit ihren Problemen wahrgenommen werden. Auch Migranten wird geholfen, was mich auch sehr beeindruckt hat. Es zeigt,  dass Caritas sich über die Grenzen hinweg engagiert. Und hier drückt sich für mich der wahre Caritas-Geist aus: Wir sind alle Kinder Gottes. In diesem Punkt sind die deutsche und die brasilianische Caritas-Arbeit identisch.

José Carlos: Der Wille und die Sensibilität, Antworten auf das Elend zu finden, ist überall eine schwierige Herausforderung - ob in Brasilien, Deutschland, der Schweiz oder anderswo. In jedem Teil der Welt trifft man einen Lazarus, der vom Kapitalismus ausgeschlossen wird. Unsere Organisation heißt "Reciclazaro", weil sie sich in einem Teil ihres Namens auf Lazarus bezieht...

... einen Armen aus dem Evangelium, der vor den Türen eines Reichen bettelte ...

Pater Jose Carlos
Pater José Carlos

José Carlos: ...der aber nichts bekam. Die Hunde leckten an seinen Geschwüren, bis er starb. Das ist bildlich gesprochen unsere Situation in Brasilien: Menschen aus der oberen und mittleren Schicht wollen nichts von den Armen wissen, es gibt keine gesellschaftliche Solidarität.

Ich musste oft an diese Bibelstelle mit Lazarus hier in Deutschland denken und es hat mich beeindruckt, wie hier in diesem reichen Land der Lazarus nicht weggeschickt wird, sondern Hilfe erhält. Nur ein Beispiel, das mir gerade in den Sinn kommt: die Straßenambulanz für Obdachlose, die wir bei der Caritas Nürnberg sehen durften. Dorthin kommen Menschen, die krank oder verletzt sind, die schlecht riechen, weil sie keine Hygienemöglichkeiten haben - und sie werden medizinisch versorgt, sie bekommen zu essen und zu trinken und die Gelegenheit, sich zu waschen. Das ist das, was unsere Arbeit verbindet: Caritas heißt, den armen Lazarus nicht wegzuschicken.

Sie haben während ihres Besuchs mehrere deutsche Caritas-Kolleg/innen nach Brasilien eingeladen. Wird es zu einer Fortsetzung der neu aufgebauten Beziehungen kommen?

José Carlos: Das hoffen wir! Diese Einladungen waren nicht als höfliche Geste gemeint, sondern absolut ernsthaft. Da ist die Geschäftsführerin eines Altenheims in Köln, die angeboten hat, unsere Kolleg/innen beim Aufbau von Alten- und Pflegeinrichtungen fachlich zu unterstützen. Da sind der Leiter und der Sozialarbeiter eines Heims für obdachlose Senioren in Bastheim, die mit uns fachlich auch über die Kontinente hinweg kommunizieren möchten. Wir hoffen sehr, dass sie auch einmal zu uns kommen. Oder da ist ein Ergotherapeut in Hassfurt, von dessen Arbeit wir so begeistert waren, dass wir ihn sofort zu uns eingeladen haben.

Cido Recende: Ja, diese Therapie hat uns stark beeindruckt und wir wollen so etwas auch bei uns umsetzen. Hier haben wir etwas Neues im Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen gelernt. Es war erstaunlich, welch großes kreative Potenzial durch die Therapie in ihnen geweckt werden kann.

Was können Ihre deutschen Kolleg/innen von Ihrer Arbeit lernen?

Cido Recende: Nun, zum Beispiel, dass wir für alte Menschen Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Wir müssen so arbeiten, weil es kein entsprechendes soziales Netz gibt. Die Senioren müssen nach einiger Zeit die Einrichtungen wieder verlassen und fähig sein, für sich selbst zu sorgen. Das hat viele Kollegen hier erstaunt. Aber unser Modell funktioniert und in Deutschland kann man daraus lernen, dass das Alter nicht unbedingt die Fähigkeiten zum produktiven Arbeiten minimiert.

José Carlos: Natürlich gibt es gewisse physische Einschränkungen. Aber man darf alte Menschen nicht gettoisieren und ihre Teilnahme am produktiven und gesellschaftlichen Leben radikal einschränken. Deswegen sollen sie nicht in Heimen landen, in denen sie permanent untergebracht werden. Altersheime wie in Deutschland sollten wirklich nur für Menschen da sein, die nicht mehr fähig sind, allein zu leben. Ähnlich wie in Deutschland dreht sich auch in Brasilien die Alterspyramide um und es sind Bestrebungen im Gange, das Rentenalter nach oben zu setzen. Gerade angesichts einer solchen politischen Entwicklung kann auch unser Modell für Deutschland interessant sein.

Gibt es noch etwas, was Sie Ihren deutschen Caritas-Kolle/innen gerne sagen würden?

Cido Recende: Ja: ein großes Dankeschön. Danke für die Wärme und die Aufmerksamkeit, mit der wir überall empfangen wurden. Diese Herzlichkeit war umwerfend. Und Danke für alles, was wir von ihnen lernen durften.

José Carlos: Ich muss jetzt etwas gestehen: Wir kamen mit dem Vorurteil, dass Deutsche sehr raue, reservierte bis unfreundliche Menschen seien. Wir haben das Gegenteil davon erlebt. Da stand dann zum Beispiel der Leiter eines Heims für obdachlose Senioren

... Herr Albrecht Euring vom Simonshof in Bastheim ...

José Carlos: ... frühmorgens am Sonntag, den er eigens für uns opferte, da und spielte zum Empfang für uns Trompete. An ihn und an alle deutschen Caritas-Kolleg/innen habe ich die besten Erinnerungen und möchte auch allen ganz herzlich dafür danken. Und ich wiederhole meine Einladung: Ich hoffe, dass ich viele von ihnen bald auch in Brasilien wiedersehen darf.

November 2008


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