
Dr. Mary Halim und Dr. Madleine Sabry Azmy sind Ärztinnen am Institut SETI (Special Education And Training For Inclusion) der Caritas Ägypten. Es betreut Menschen mit Behinderung
und bildet Fachpersonal für die Arbeit mit geistig Behinderten in Ägypten und dem Nahen Osten aus. Die Ärztinnen waren im
Juni 2008 im Rahmen der Aktion Caritas für Caritas zu Gast in Deutschland (s. Kasten unten). Im Gespräch mit Stefan Teplan erzählen sie von ihren Erfahrungen.
Sie haben ein volles zweiwöchiges Programm in Deutschland hinter sich. Was hat Sie davon am meisten bereichert?
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| Madelaine Sabry Azym |
Madleine Sabry: Oh, so viel, da kann ich nicht nur einen einzigen Punkt nennen. Wir haben eigentlich überall etwas mitgenommen. Bei den Barmherzigen
Brüdern in Reichenbach haben wir wertvolle Ideen erhalten, wie wir Plätze für autistische Kinder gestalten und die TEACCH-Methode
umsetzen können. Im Rupert-Mayr-Zentrum der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg gab uns der Therapieleiter tolle Ideen
mit, wie wir zum Beispiel mit einer konduktiven Leiter arbeiten oder wie wir einen Raum zur sensorischen Integration nutzen
können. Beeindruckend war auch der Carimarkt in Kehlheim, in dem Menschen mit Behinderungen arbeiten. Wir überlegen gerade,
ob wir so etwas nicht auch in Ägypten machen können. Ebenso haben wir in Baindt eine solche Fülle von Inspirationen erhalten,
dass ich eine ganz lange Liste allein davon angefertigt habe.
Mary Halim: Alles in allem war es eine große Chance für uns, unsere Arbeit deutschen Kolleginnen und Kollegen vorzustellen und im Kontakt
mit ihnen andere Ansätze in der Arbeit für Menschen mit Behinderung kennenzulernen. Wir spürten in den Diskussionen, dass
die Kollegen in Deutschland ganz stark interessiert waren zu erfahren, wie die Situation der Menschen mit Behinderung in Ägypten
ist und wie wir bei allen Schwierigkeiten, die es bei uns gibt, damit umgehen und welche Ansätze wir entwickelt haben.
Welche Schwierigkeiten meinen Sie?
Madleine Sabry Azmy: Auch da kann ich mich nicht auf einen Punkt beschränken. Leider haben wir mehr als genug Probleme. Das Hauptproblem in unserem
Land ist, dass 90 Prozent der Menschen mit Behinderung keinen Zugang zu irgendeiner Art von Hilfe haben. Diese Menschen stehen
in der staatlichen Prioritätenliste ganz unten, weil der Staat schon genug mit der Bevölkerungsexplosion und den steigenden
Lebenshaltungskosten bei uns zu tun hat. Es gibt deswegen fast keine finanzielle staatliche Unterstützung für die Betroffenen.
Die Kosten für Reha-Maßnahmen und gesundheitliche Versorgung müssen die Familien selbst tragen. Viele aber sind extrem arm.
Die wenigen Dienste, die es für Menschen mit Behinderungen gibt, konzentrieren sich auf die großen Städte Alexandria und Kairo.
Die Reise in diese zwei Städte können sich die meisten aber nicht leisten. Aus dieser Not heraus arbeitet die Caritas Ägypten
nach folgendem Modell: Weil viele Menschen nicht zu den Institutionen kommen können, kommen Caritas-Mitarbeiter/inn/en zu
ihnen. In einigen ländlichen Regionen arbeiten wir mit freiwilligen Helfern, die wir ausbilden. Aber auch unsere Kapazitäten
sind beschränkt und wir können nur einen kleinen Teil Ägyptens abdecken. Eigentlich müssten wir diese gemeinwesenorientierte
Arbeit im ganzen Land ausbauen, aber dazu fehlen uns die Mittel.
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| Dr. Mary Halim |
Mary Halim: Ich kann dazu nur ergänzen, wie deprimierend es für uns ist, mit einer betroffenen Familie konfrontiert zu sein und zu wissen,
dass man ihr nur beschränkt helfen kann, weil einfach die Wartelisten zu lang sind, weil wir zu wenig Personal haben, weil
wir vielleicht bald sogar unsere Dienstleistungen aus Geldmangel mehr einschränken müssen. Ohne die Unterstützung von Caritas
international könnten wir im Grunde gar nicht mehr arbeiten. Gott sei Dank gibt es aber nicht nur Deprimierendes, sondern
auch viel Erfreuliches an unserer Arbeit.
Zum Beispiel?
Madleine Sabry Azmy: Mein Beruf spiegelt meine Werte wider: Ich arbeite aus christlicher Überzeugung und es ist dieser Caritas-Geist, der Geist
der praktizierten Nächstenliebe, der mich antreibt. Und es freut mich unheimlich, wenn ich mit meinen Möglichkeiten dazu beitragen
kann, die Welt zu einem besseren Platz zu machen.
Mary Halim: Ja, Seti hat einen sehr guten Ruf in Ägypten dafür, dass wir auf hohem fachlichem Niveau den Armen und Schwachen helfen.
Darin drückt sich dieser Caritas-Geist aus, von dem Madleine spricht aus. Wir brauchen gar nichts zu sagen: Die Menschen sehen
durch unsere Arbeit unseren Glauben an Gott. Ich danke Gott für das Geschenk, dass ich bei der Caritas Menschen mit Behinderung
helfen darf. Es ist für mich das schönste Gefühl, wenn ich erleben darf, wie Menschen durch meine Hilfe stärker werden, wenn
ich ihnen Wege zeigen darf, wie sie ein behindertes Kind fördern können und wenn ich ihnen ihre Sorgen etwas erleichtern kann.
Haben Sie eine solche Geisteshaltung auch bei Ihren Kolleg/inn/en in Deutschland gespürt?
Mary Halim: Absolut. Das war eine der schönsten Erfahrungen in Eurem Land. Ich wusste ja vorher nicht viel von den Deutschen. Ich hatte
gehört, dass sie fleißig und diszipliniert sein sollen. Aber ich habe nicht erwartet, hier so viel Herzlichkeit zu begegnen.
Die Caritas-Mitarbeitenden in all den Einrichtungen, die wir besuchten, machen ihre Arbeit mit großer Hingabe. Man spürt,
dass sie die Menschen lieben, die sie betreuen, und das macht für mich das Besondere an der Caritas-Arbeit aus, in Ägypten
wie in Deutschland.
Madleine Sabry Azmy: Die Unterschiede sind natürlich enorm. Hier wird von Krankenversicherungen und dem Staat fast alles geleistet, bei uns so
gut wie nichts. Aber auch ich bin sehr angetan von der Freundlichkeit und dem christlichen Geist der Menschen, die wir hier
kennenlernen durften.
Gibt es etwas, von dem Sie glauben, das hätten deutsche Kolleg/inn/en durch ihren Besuch gelernt?
Madleine Sabry Azmy: Wir haben unseren Kolleg/innen hier vermittelt, wie wir mit Familienmitgliedern, Freunden, Nachbarn, Lehrern und Freunden
eines Menschen mit Behinderung arbeiten und diese Personen in die Betreuung einbeziehen, ja, sie sogar befähigen, einen Großteil
der Förderung und Betreuung selbst zu leisten. Mir wurde mehrfach von Fachkräften in Deutschland gesagt, dass dies etwas sei,
was man in Deutschland, wo fast alles über Institutionen läuft, neu lernen sollte: wieder zu den Menschen gehen und mit dem
gesamten Umfeld arbeiten. Ich denke, man kann daraus auch lernen, dass gute Dienstleistungen nicht unbedingt teuer sein müssen
und dass die gesamte Gemeinschaft enorm davon profitiert, wenn sie sich der Menschen mit Behinderung annimmt.
Mary Halim: Unsere, wie wir es nennen, familien- und gemeinwesenorientierte Arbeit ist auch in einem Land notwendig, das fast ausschließlich
über Institutionen arbeitet. Besonders Eltern und Geschwister eines Menschen mit einer Behinderung fühlen sich in ihren Rollen
sicherer, wenn sie hierzu Anleitungen und Ausbildungen wie bei uns erhalten. Diese Arbeitsansätze müssen auf deutsche Verhältnisse
hin sicher etwas anders angepasst werden, aber ich denke schon, dass man darin generell von uns lernen kann.
Madleine Sabry Azmy: Ich möchte noch etwas Persönliches anfügen: Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich sie und ihre Arbeit näher kennen lernen
und mit ihnen so viele interessante Gespräche führen durfte. Ich muss sagen, dass mir erst durch diesen Besuch bewusst wurde,
dass Caritas-Kolleg/inn/en in aller Welt die gleichen Werte und den gleichen Geist haben.
Mary Halim: Wir haben uns nicht als Fremde, sondern unter Brüdern und Schwestern gefühlt. Ich finde, die Aktion Caritas für Caritas drückt auf ideale Weise das aus, was uns als christliche Kolleg/inn/en miteinander verbindet: jeder bedürftigen Person ohne
Ansehen von Hautfarbe, Rasse, Religion oder Staatsangehörigkeit zu helfen.
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Mary Halim und Madleine Sabry Azmy waren während ihres Caritas für Caritas-Besuchs zu Gast bei
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September 2008