
Mary Peter ist Expertin für Frauenfragen bei der Caritas Indien. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Tsunami-Hilfe mit
der Emanzipation von Frauen zu koppeln. Im Herbst 2009 besuchte Peter Caritasverbände in Deutschland.
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| Aktiv für Frauenrechte: Die indische Sozialarbeiterin Mary Peter |
| Foto: Stefan Teplan / Caritas international |
Was ist Ihnen bei Ihrem Besuch in Deutschland besonders aufgefallen?
Mary Peter: Eine ganze Menge. Wie Sie wissen, bin ich bei der Caritas Indien Expertin für Frauenfragen, und da ist mir zu allererst am
Verhältnis der Geschlechter in Deutschland vieles positiv aufgefallen. Hier erscheint mir so vieles selbstverständlich, wofür
ich in Indien noch schwer kämpfen muss.
Zum Beispiel?
Mary Peter: Ganz persönlich fiel mir sofort auf, wie zuvorkommend ich hier als Frau behandelt werde. Wenn mehrere durch eine Tür gehen
mussten, hielten sich Männer zurück und sagten: Ladies first. Oder wenn mir zum Beispiel kalt war - ich bin ja die Temperaturen
im deutschen Winter nicht gewohnt - haben sich Männer rührend um mich gekümmert und mir ihren Mantel übergehängt. Das würde
in Indien ein Mann nicht tun. Meine Wünsche wurden hier berücksichtigt, meine Ansichten ernst genommen. Das ist leider in
Indien nicht selbstverständlich. Dort haben die Frauen in der Männergesellschaft meist nichts zu sagen und auch nichts zu
wünschen. Die Frauen in Deutschland erscheinen mir sehr selbstbewusst und emanzipiert. So möchte ich am liebsten die Frauen
in Indien auch einmal alle haben.
Aber Sie haben doch die Rolle der Frau in Indien mit Ihrer Arbeit in den Tsunami-Gebieten bereits entscheidend verändert.
Mary Peter: Ja, das ist richtig und darauf sind wir von der Caritas Indien auch sehr stolz. Aber diese Entwicklung fand nur in den Tsunami-Gebieten
statt. Nun dient sie uns als Modell für unsere Arbeit in anderen, besonders in ländlichen Gegenden, wo die Frauen meist noch
sehr unterdrückt leben.
Können Sie kurz zusammenfassen, was sich in der Tsunami-Region für die Frauen verändert hat?
Mary Peter: Enorm viel. Vor dem Tsunami durften Frauen nichts besitzen und nichts entscheiden. In Gegenwart der Männer mussten sie meistens
schweigen. Die Caritas hat bewirkt, dass jetzt in allen politischen Gremien Südindiens Frauen mit einer Quote von 50 Prozent
mitwirken. Seit August 2009 ist dies im Bundesstaat Tamil Nadu sogar gesetzlich verankert - eine Frucht unserer Caritas-Lobbyarbeit.
Bei den Häusern und Booten, die Caritas den Tsunami-Opfern gab, haben wir durchgesetzt, dass die Frauen urkundlich als Mitbesitzerinnen
registriert sind. Und Frauen in den Tsunami-Gebieten haben jetzt bessere Bildungs- und Berufschancen.
Wie haben Sie dies alles in knapp fünf Jahren erreicht?
Mary Peter: Das war nicht leicht. Es gab enorm viel Widerstand und erforderte lange Bewusstseinsarbeit bei Männern wie bei Frauen, bis
dieses neue Rollenverständnis akzeptiert wird. Wir haben damit eigentlich eine seit Jahrtausenden bestehende Kultur völlig
verändert.
Wie hat Ihnen Caritas international dabei geholfen?
Mary Peter: Ohne die Hilfe der Caritas-Partner aus anderen Ländern, besonders aus Deutschland durch Caritas international, hätten wir
dies nicht so einfach bewältigen können. Caritas international half uns nicht nur finanziell, sondern auch mit fachlichem
Rat durch seine Experten, die uns stark unterstützten.
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| Mary Peter (2. v. r.) bei einer Podiumsdiskussion bei der Caritas-Delegiertenversdammlung am 14. Oktober 2009 in Eichstätt mit (v. l.) Caritas-Präsident Prälat Dr. Peter Neher, Stefan Teplan und Übersetzerin Surecca Krishnakumar |
| Foto: Eva Mayer |
Welchen Eindruck haben Sie in Deutschland von der nationalen Caritas-Arbeit gewonnen?
Mary Peter: Zunächst einmal war ich erstaunt, was die Caritas hier alles leistet. Ich muss zugeben: Ich hatte vorher einen falschen Eindruck
von der deutschen Caritas. Da wir sehr viel Geld für die Tsunamihilfe von ihr bekamen, betrachtete ich sie als eine reine
Geldgeber-Organisation für Projekte in ärmeren Ländern. Jetzt habe ich erfahren, wie groß der DCV ist und wie viel Sozialarbeit
er leistet, eigentlich in fast jeder Stadt und jedem Dorf. Und ich habe erlebt, mit welcher Hingabe meine deutschen Kolleginnen
und Kollegen ihre Arbeit leisten. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe auch erfahren, dass sehr viele Spenden für unsere
Tsunami-Arbeit in Indien von deutschen Caritasverbänden kamen. Lassen Sie mich an dieser Stelle allen unseren großen Dank
aussprechen.
Gibt es auch etwas, das Ihnen in Deutschland weniger gefallen hat?
Mary Peter (lacht): Naja, das Essen hätte schärfer sein können. Wir sind einfach sehr viel schärfere Küche gewöhnt.
Interview: Stefan Teplan
Die Sozialarbeiterin Mary Peter besuchte zusammen mit ihren Kolleg/inn/en Sebastian James und Laila Lawrence im Herbst 2009
Caritasverbände in Berlin, Freiburg, Ingolstadt, Eichstätt, München, Passau und Augsburg.