
Zum zweiten Mal kamen im Frühjahr 2010 Fachkräfte des Instituts SETI (die Fachabteilung für Behindertenhilfe der Caritas Ägypten)
im Rahmen der Aktion Caritas für Caritas nach Deutschland. Die Ärztin Georgette Naguib und die Heilpädagogin Jocelyne Wahba
besuchten Behinderten-Einrichtungen, suchten den Austausch mit Kolleg/inn/en und gaben einen Workshop. Stefan Teplan sprach
mit Dr. Georgette Naguib über ihre Eindrücke.
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| Dr. Georgette Naguib zeigt eine Zeitschrift über Arbeit mit Geschwisterkindern |
| Foto: Caritas international |
Welche Einrichtungen haben Sie auf Ihrer Begegnungsreise besucht?
Georgette Naguib: Wir waren zunächst mehrere Tage in Baindt, nahe beim Bodensee. Wie Sie wissen, haben wir mit der dortigen Blindenschule eine
Projektpartnerschaft, innerhalb derer wir uns einmal im Jahr zu einem Fachaustausch treffen. Im letzten Jahr gaben Kolleg/inn/en
aus Baindt einen Workshop bei uns in Kairo, von dem wir sehr viel profitierten. Diesmal wollten wir in Baindt von deren praktischer
Arbeit mit Blinden lernen. Nach dem Besuch in Baindt haben wir Caritasverbände in Freiburg, Konstanz, Singen und Augsburg
besucht. Darüber hinaus waren wir zu Gast bei einer Einrichtung des Dominikus-Ringeisen-Werks in Kempten und beim Arbeitskreis
Geschwisterkinder in München. Ein volles Programm, von dem wir sehr viele beeindruckende Erfahrungen mitnehmen.
Können Sie Beispiele für solche Erfahrungen nennen?
Georgette Naguib: In Baindt haben wir zum Beispiel viel gelernt über Arbeitsmaterialien, die dort für die Arbeit mit Blinden eingesetzt werden,
Material, das wir so nicht kennen und in Ägypten nun auch einsetzen wollen. In Konstanz haben wir uns mit Experten über Frühförderung
und Psychomotorik unterhalten und herausgefunden, dass wir diesbezüglich mit ähnlichen Methoden arbeiten, wenn wir auch einfachere
und beschränktere Mittel haben. Ein Heilpädagoge von dort hat sich interessiert, zu einem Fachaustausch zu einem unserer Projekte
zu kommen. Wir würden uns sehr freuen, wenn das klappt. Beim Besuch in Singen hat uns besonders positiv überrascht, dass dort
auch die Einbeziehung von Geschwistern von Kindern mit einer Behinderung zur Arbeit gehört. Das ist ein Ansatz, mit dem wir
in Ägypten sehr viel arbeiten, der aber leider, wie wir herausgefunden haben, in Deutschland nicht überall so populär ist.
Es war, wenn ich so sagen darf, fast die Hauptmission unserer Reise, diesen Ansatz mehr zu promoten.
Sie haben dazu ja auch einen eigenen Workshop gemacht.
Georgette Naguib: Richtig, beim Deutschen Caritasverband in Freiburg haben wir unsere Arbeit mit Geschwisterkindern vorgestellt und uns mit
Experten in langen Diskussionen über den Nutzen dieser Arbeit ausgetauscht. Wir freuen uns, dass dieses Thema auf großes Interesse
der Inlands-Fachkräfte und des CBP (Fachverband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie im Deutschen Caritasverband) gestoßen
ist wie auch auf das einiger Kolleg/inn/en von Caritas international, die dies mehr in der Arbeit in ihren Auslandsprojekten
berücksichtigen wollen. So hatten wir zum Beispiel im Anschluss an den Workshop noch ein eigenes langes Treffen mit der Fach-Referentin
Caritas international für Vietnam, Christine Wegner-Schneider, die für ihre Projekte in Vietnam dies besonders umsetzen möchte.
Was sind die Eigenheiten dieses Ansatzes der Arbeit mit Geschwisterkindern?
Georgette Naguib: Oh, das hat ganz viele Aspekte. Aber um es kurz zu sagen: Neben den Eltern sind die Geschwister die nächsten Bezugspersonen
eines Kindes mit einer Behinderung. Weil aber das Kind mit einer Behinderung in der Regel die volle Aufmerksamkeit der Eltern
erfordert, fühlen sich diese Geschwisterkinder meist stark benachteiligt und reagieren häufig sehr eifersüchtig. Das bringt
Probleme für alle drei Parteien: die Eltern, die Kinder mit einer Behinderung und deren Geschwister. Wenn wir diese nun in
die Förderung einbeziehen, gemeinsame Treffen veranstalten, dann ist damit allen Parteien geholfen. Das Kind mit einer Behinderung
erfährt eine stärkere Förderung, seine Geschwister empfinden sich nicht mehr als zurückgesetzt und den Eltern wird viel Last
genommen. Außerdem muss man auch bedenken, dass die Eltern irgendwann einmal sterben. Dann sind die Geschwister für die Menschen
mit Behinderung da; das funktioniert aber nur, wenn sie darauf vorbereitet und willens sind.
Aber kümmern sich nicht auch Institutionen darum?
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| Dr. Georgette Naguib und Jocelyne Wahba vor dem Caritas-Gebäude in Konstanz |
| Foto: Caritas international |
Georgette Naguib: In Deutschland ja, in Ägypten haben wir kaum Einrichtungen. Deswegen müssen wir ja auch sehr viel mehr mit den Familien arbeiten
als mir dies in Deutschland der Fall zu sein scheint. Aber wir haben bei unseren Caritas-für-Caritas-Besuchen festgestellt,
dass viele deutsche Kolleginnen und Kollegen dies als Mangel empfinden und erklärt haben, sie würden diesbezüglich bei uns
in die Schule gehen. Das ist für uns ein großes Kompliment und wir freuen uns, dass wir in diesem Punkt einen Fachaustausch
führen können.
Den führen Sie auch mit einer deutschen Lobby in diesem Bereich, dem Arbeitskreis Geschwisterkinder in München. Wie kam es
dazu?
Georgette Naguib: München war die letzte Station unserer Reise und eine sehr wichtige Begegnung. Wir haben festgestellt, dass wir trotz aller
kulturellen Unterschiede die gleichen Ideen, die gleichen Problemstellungen haben und sogar fast identisches Arbeitsmaterial
entwickeln. Nun ist unser arabisches Material auch über die Website dieses Arbeitskreises erhältlich - für arabisch sprechende
Klientel in Deutschland. Die Existenz dieses Kreises zeigt, dass in Deutschland die Notwendigkeit durchaus gesehen wird, mehr
mit Geschwisterkindern in der Behindertenhilfe zu arbeiten und nicht alles den Einrichtungen zu überlassen.